Exkurs

8. Juni 2018

Kunst und Relationalität

Zusammenfassung von Vortrag und Workshop
Symposion „Kunst und Relationalität“
(Schloß Landestrost, Neustadt a.R. am 25./26.11.2016)

Ausgehend von einem Gedicht oder einem Text einer AutorIn hat jeder Mensch seine individuelle Lesart, Interpretation, entfaltet Fantasie und liest unterschiedliche Deutungen heraus und hinein und auch zwischen den Zeilen. Auch eine Komponist.in kann die Worte durch ihre musikalische Ausdeutung illustrieren, vertiefen, verwirren, ergänzen, hinterfragen sowie unbewusste und bewusste Ebenen vermischen. Die Interpreten deuten und gestalten wiederum auch auf ihre ganz eigene Weise. Gleichwohl sie den Notentext respektieren, singen und musizieren sie mit ihrer eigenen Klangfarbe, Rhetorik, Emotionalität und geistiger Idee. Und schließlich interpretieren die Zuhörer ebenfalls, sind unterschiedlich berührbar und empfangend, hören und verstehen individuell auf dem Hintergrund ihrer persönlichen Erfahrungen.

Poesie und Musik, insbesondere das Lied, als besondere Kunstform ermöglichen also einen hochkomplexen Kreislauf von relationalen Verflechtungen, der auf verschiedenen Ebenen stattfindet. Die Art und Weise, wie Musiker.innen miteinander kommunizieren und in einer resonanten Verbindung stehen, ist etwas sehr Besonderes. Wenn die Gemeinsamkeit, der Gleichklang im Musizieren als gelingend wahrgenommen wird, reden sowohl Musiker.innen, als auch die Zuhörer gern von einer „Symbiose“ oder einer „Verschmelzung“. Die Symbiose ist laut biologischer Definition eine Lebensgemeinschaft zweier selbständiger Wesen, die zu gegenseitigem Nutzen aufeinander angewiesen sind. Das trifft natürlich auch auf Musiker.innen zu, die alle das gleiche Ziel – eine hoffentlich gelingende Aufführung – haben, klingt aber für einen künstlerischen Prozess vielleicht etwas nüchtern und sachlich. Wir treffen auch den Begriff „Verschmelzung“ an, was so viel bedeutet wie, dass zwei Körper zu einem werden. Mehrere Instrumente verschmelzen zu einem Klang, aber sie treten auch solistisch und eigenständig wieder aus ihm hervor oder treten in eine Form der dissonanten Gegensätzlichkeit. Der Verschmelzungsbegriff trifft zumindest klanglich also auch nur sehr eingeschränkt zu.

Der Begriff Resonanz, also das Mitschwingen eines Körpers in einem anderen Körper, respektive Seele, Selbst oder Identität scheint mir mehr geeignet zu sein, um diese besondere Kommunikation des gemeinsamen Musizierens zu beschreiben. Menschen unterschiedlicher Herkunft, Generation, Nationalität und Sprache können sich verstehen, verständigen, sich emotional berühren und miteinander „sprechen“ ohne Worte zu benutzen. In der Musik spielt der eigentliche Bezugsrahmen einer Person eine untergeordnete Rolle. Es ist so, als würde man gemeinsam in einen neuen Beziehungsraum eintreten und dort ein resonierendes Fließgleichgewicht herstellen. Impulse, Schwingungen werden ausgesandt und beantwortet. Es kommt nicht selten vor, dass Musiker.innen, die eine intensive musizierende Verbindung eingehen ihre Atemfrequenz und ihren Puls angleichen. Die Grenzen zwischen dem Eintauchen in die vorgegebenen Klangwelten der Komponist.innen, als auch dem eigenen oder gemeinsamen emotionalem Empfinden der Musiker.innen und ihrem geistigen Austausch sind fließend. Durch Klangfarbe, Metrum, Atem und Energie können Musiker.innen aufeinander reagieren.

Musik ist also eine Art wortloser, aber nicht schweigender Sprache. Der Schriftsteller Victor Hugo beschreibt es treffend: „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“